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Zivil- und Handelssache

Aus HWB-EuP 2009
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+++Zivil- und Handelssache+++

1. Bestandsaufnahme

Dem Europarecht ist die Unterscheidung zwischen privatem und öffentlichem Recht nicht unbekannt. Sie hat aber anders als in einigen mitgliedstaatlichen Rechtsordnungen keine grundsätzliche Bedeutung, vor allem da sich die [[Gesetzgebungskompetenzen der Gemeinschaft an Sachgebieten und – von einigen Ausnahmen abgesehen – nicht an dieser Unterscheidung orientieren. Dennoch klingt auch im Europarecht an zahlreichen Stellen die Dichotomie zwischen privatem und öffentlichem Recht an. So gelten etwa die Grundfreiheiten für bestimmte Tätigkeiten nicht, die mit der Ausübung öffentlicher Gewalt verbunden sind (Art. 39(4), 45(1), 55 EG/45(4), 51(1), 62 AEUV), um den Kern der mitgliedstaatlichen Eigenstaatlichkeit nicht anzutasten. Besonders augenfällig wird die Bedeutung der Dichotomie zwischen privatem und öffentlichem Recht für das Gemeinschaftsrecht freilich beim Begriff der Zivil- und Handelssache.

2. Autonome Auslegung

Die Judikatur des EuGH zur Auslegung des Begriffs der Zivil- und Handelssache betraf bisher nur das EuGVÜ, die EuGVO und die Brüssel IIa-VO. Von Anfang an hat der Gerichtshof festgelegt, dass der Begriff der Zivil- und Handelssache autonom auszulegen ist (Auslegung des Gemeinschaftsrechts), vor allem unter Berücksichtigung der Zielsetzungen des jeweiligen Rechtsaktes sowie der allgemeinen Rechtsgrundsätze, die sich aus der Gesamtheit der mitgliedstaatlichen Rechtsordnungen ergeben (vgl. EuGH Rs. 29/76 – Eurocontrol, Slg. 1976, 1541, Rn. 3; Rs. 814/79 – Rüffer, Slg. 1980, 3807, Rn. 7; Rs. C-172/91 – Sonntag, Slg. 1993, I-1963, Rn. 18, 25; Rs. C-271/00 – Gemeente Steenbergen, Slg. 2002, I-10489, Rn. 28; Rs. C-266/01 – TIARD, Slg. 2003, I-4867, Rn. 20; Rs. C-343/04 – ČEZ, Slg. 2006, I-4557, Rn. 22; Rs. C-292/05 – Lechouritou, Slg. 2007, I-1519, Rn. 29; Rs. C-435/06 – C, Slg. 2007, I-10141, Rn. 46; Rs. C‑420/07 – Apostolides, EuLF (Section I) 2009, 9, Rn. 41). Diese autonome Auslegung ist freilich nicht immer ein einfaches Unterfangen, weil die mitgliedstaatlichen Rechtsordnungen zum Teil unterschiedlicher Auffassung über die Qualifikation eines Rechtsstreits als Zivil- und Handelssache sind. Beispielsweise haben die englischen Gerichte im Rahmen der Haager Übereinkommen den Begriff der Zivil- und Handelssache völlig anders ausgelegt als die kontinentalen Gerichte. So hat das House of Lords in Re State of Norway’s Application [1990] 1 AC 723, 806 bei der Auslegung einer nationalen Vorschrift, die auf dem Haager Beweisaufnahmeübereinkommen von 1970 ([[Beweisrecht, internationales]]) beruht, Steuerstreitigkeiten als Zivil- und Handelssache angesehen und – lege fori qualifizierend – sämtliche Streitigkeiten mit Ausnahme der strafrechtlichen als civil and commercial matters angesehen.

3. Abgrenzungskriterien im Europäischen Zivilprozessrecht (EuGVÜ und EuGVO)

Grundsätzlich fällt nach der Rechtsprechung des EuGH nicht jeder Rechtsstreit zwischen einem Hoheitsträger und einer Privatperson aus dem sachlichen Anwendungsbereich des europäischen Zuständigkeits- und Vollstreckungsrechts heraus (EuGH Rs. 29/76 – Eurocontrol, Slg. 1976, 1541, Rn. 4; Rs. 814/79 – Rüffer, Slg. 1980, 3807, Rn. 8; Rs. C-172/91 – Sonntag, Slg. 1993, I-1963, Rn. 21; Rs. C-271/00 – Gemeente Steenbergen, Slg. 2002, I-10489, Rn. 30; Rs. C-266/01 – TIARD, Slg. 2003, I-4867, Rn. 22; Rs. C-292/05 – Lechouritou, Slg. 2007, I-1519, Rn. 31; Rs. C‑420/07 – Apostolides, EuLF (Section I) 2009, 9, Rn. 43). Zu Recht folgt also auch der EuGH nicht der formalen Subjektstheorie, die einen Rechtsstreit schon dann als öffentlichrechtlich ansieht, wenn eine der Parteien ein Hoheitsträger ist. Vielmehr kommt es dem EuGH bei der Auslegung des Begriffs der Zivil- und Handelssache im Zivilprozessrecht vor allem auf die Natur des zwischen den Parteien bestehenden streitgegenständlichen Rechtsverhältnisses an (EuGH Rs. 29/76 – Eurocontrol, Slg. 1976, 1541, Rn. 4; Rs. 814/79 – Rüffer, Slg. 1980, 3807, Rn. 8, 14; Rs. C-167/00 – Henkel, Slg. 2002, I-8111, Rn. 29; Rs. C-271/00 – Gemeente Steenbergen, Slg. 2002, I-10489, Rn. 29; Rs. C-266/01 – TIARD, Slg. 2003, I-4867, Rn. 22 f.; Rs. C-343/04 – ČEZ Slg. 2006, I-4557, Rn. 22; Rs. C-292/05 – Lechouritou, Slg. 2007, I-1519, Rn. 30; Rs. C‑420/07 – Apostolides, EuLF (Section I) 2009, 9, Rn. 42). Allerdings reicht es nicht aus, wie der EuGH bereits in Henkel festgestellt hat, dass der Rechtsstreit aus der Tätigkeit einer Partei resultiert, die im Allgemeininteresse handelt (EuGH Rs. C-167/00 – Henkel, Slg. 2002, I-8111, Rn. 25 ff.); der EuGH verwirft damit offenbar auch Ulpians Interessentheorie (vgl. Ulp. D. 1,1,1,2: „Publicum ius est quod statum rei Romanae spectat, privatum, quod ad singolorum utilitatem: sunt enim quaedam publice utilia, quaedam privatim“). Diese Abgrenzungslehre gilt aber ohnehin als überholt, weil unzweifelhaft auch das Privatrecht öffentlichen Zwecken dienen kann.

4. Einheitlicher Begriff der Zivilsache?

Die im vorherigen Abschnitt erläuterte Rechtsprechung des EuGH zum Begriff der Zivil- und Handelssache betraf allein die Auslegung des [[europäischen Zivilprozessrechts des EuGVÜ und der EuGVO. Es bestehen grundsätzlich keine Bedenken, diese Rechtsprechung auch auf andere Rechtsakte zu übertragen, die diesen Begriff verwenden. So hat der EuGH (in Rs. C-292/05 – Lechouritou, Slg. 2007, I-1519, Rn. 45) zur Auslegung des Art. 1(1)1 EuGVÜ gesetzgeberische Konkretisierungen des Begriffs der Zivil- und Handelssache in anderen Rechtsakten herangezogen, und geht deshalb offenbar von einem einheitlichen Begriff der Zivil- und Handelssache im Gemeinschaftsrecht aus. Auch deutet der Gerichtshof im Hinblick auf den Begriff der Zivil- und Handelssache über diese sekundären Rechtsakte hinaus Systemdenken an. So greift der Gerichtshof in Sonntag (EuGH Rs. C-172/91, Slg. 1993, I-1963, Rn. 24) auf Rechtsprechung zu den Grundfreiheiten und zur Ausnahme für hoheitliches Handeln zurück. Umgekehrt macht der Gerichtshof seine Rechtsprechung zum Begriff der Zivil- und Handelssache auch zur Auslegung des übrigen Gemeinschaftsrechts, etwa zum Anwendungsbereich des europäischen [[Wettbewerbsrechts, fruchtbar (vgl. EuGH Rs. C-364/92 – SAT Fluggesellschaft, Slg. 1994, I-43, Rn. 28).

Literatur. Burkhard Heß, Amtshaftung als „Zivilsache“ im Sinne von Art 1 Abs 1 EuGVÜ, Praxis des Internationalen Privat- und Verfahrensrechts 1994, 10 ff.; Ulrich Soltész, Der Begriff der Zivilsache im Europäischen Zivilprozeßrecht, 1998; Reinhold Geimer, Öffentlich-rechtliche Streitgegenstände, Praxis des internationalen Privat- und Verfahrensrechts 2003, 512 ff.; idem, in: idem, Rolf A. Schütze, Europäisches Zivilverfahrensrecht, 2. Auf. 2004, Art. 1 EuGVO Rn. 1 ff.; Jan Kropholler, Europäisches Zivilprozeßrecht, 8. Aufl. 2005, Art. 1 EuGVO Rn. 1 ff.; Peter Mankowski, in: Thomas Rauscher (Hg.), Europäisches Zivilprozeßrecht, 2. Aufl. 2006, Art. 1 EuGVO Rn. 1 ff.; Jürgen Basedow, Die Europäische Zivilgesellschaft und ihr Recht, in: Festschrift für Claus-Wilhelm Canaris, Bd. I, 2007, 43 ff.; idem, Civil and commercial matters: A new key concept of Community law, in: Festschrift für Helge Johan Thue, 2007, 151 ff.; Anatol Dutta, Staatliches Wächteramt und europäisches Kindschaftsverfahrensrecht, Zeitschrift für das gesamte Familienrecht 2008, 835 ff.; Horatia Muir Watt, Etienne Pataut, Les actes jure imperii et le Règlement Bruxelles 1, A propos de l’affaire Lechouritou, Revue critique de droit international privé 97 (2008) 61 ff.; Peter Schlosser, EU-Zivilprozessrecht, 3. Aufl. 2009, Art. 1 EuGVO Rn. 3 ff.